Advent bedeutet Zukunft

„Es ist wieder Advent!“ – vor Jahrzehnten hat diese Zeitansage bei den meisten unserer Mitbürger frohmachende Erinnerungen, Bilder, Erwartungen und Hoffnungen geweckt. Zwar haben die letzten Wochen vor Weihnachten und vor dem Jahreswechsel auch heute ihren eigenen Charakter: die Beleuchtung der Stadt, die Auslagen der Geschäfte, die Kaufhäuser sind daraufhin umgestaltet worden; mit Advent verbindet man Konzerte, auch gesellige Zusammenkünfte („vorweihnachtliche Firmen-feiern“ genannt), und bedeutende Hilfsaktionen werden gestartet.
- Vermutlich ist aber nur wenigen bewusst, dass der Begriff „Advent“ ursprünglich ein Wort des Glaubens ist. „Advent“ heißt wörtlich übersetzt „Ankunft“ oder „Zukunft“:
Gemeint ist sowohl die Geburt Jesu vor über 2000 Jahren, die zu Weihnachten gefeiert wird, aber auch das Kommen des Menschensohnes am Ende der Zeiten und die Ankunft des Gottessohnes heute bei jedem von uns. Und in der Tradition der römisch-katholischen Kirche beginnt mit diesem Sonntag ein neues Kirchenjahr.
Die Wochen vor Weihnachten werden in der Kirche durch die Worte des Evangeliums bestimmt: wir begegnen Johannes dem Täufer, der zur Bekehrung aufruft: „Bereitet dem Herrn den Weg!“ Jesus selbst fordert uns auf: „Nehmt euch in Acht!... Wacht auf und betet!“ Die liturgische Farbe ist das ernste Violett.
- Das Evangelium, das uns heute verkündet worden ist, steht in Spannung zu unseren Bildern vom Advent – ja: es erinnert an Situationsschilderungen von unserer friedlosen Welt, einer Welt, in der trotz blendender Beleuchtung Finsternis und Kälte herrschen.
Passt das zur Adventstimmung – zu den alten Vorstellungen vom Advent als der „Stillsten Zeit im Jahr“ (Karl Heinrich Waggerl), oder auch zur vorweihnachtlichen Geschäftigkeit und Hektik? - Als Evangelium, also als Gute Botschaft, wollen uns diese Worte nicht Angst machen, sondern aufwecken, ernüchtern, aufmerksam machen auf die Realität, in der wir uns befinden.
Der Advent und das Weihnachtsfest verkünden uns, dass Gott bereits etwas für uns getan hat, uns entgegenkommt als Mitmensch, als einer, der mit uns mitfühlen kann, der weiß, was wir sind, was im Menschen ist. - Uns gilt der Aufruf: „Richtet euch auf und erhebt eure Häupter!“ Ihm, unserem Herrn, sollen wir begegnen, ihm, in dem und durch den die Güte und Menschliebe unseres Gottes erschienen ist. Ihm, sollen wir den Weg bereiten, der auf uns zukommt; Hindernisse aus dem Weg räumen; und wir sollen offen werden für sein Kommen.
In der Offenbarung des Johannes steht das schöne Wort Christi, des Menschensohns: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn einer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und Mahl mit ihm halten und er mit mir“ (Offb 3,20). Der Advent soll eine Zeit des Hinhörens, des Zuhörens sein - oder wieder werden. In der Begegnung mit seinem Wort können wir Christus begegnen. Das Achten auf sein Wort ist Voraussetzung für die betende Zuwendung zu ihm. Voraussetzung dafür ist, dass wir auch Zeiten und Orte der Stille und des Nachdenkens schaffen. Das Verweilen im Licht des Adventkranzes könnte uns dazu helfen.
Wir begegnen ihm auch in Menschen, die unsere Hilfe brauchen: denken wir an das Wort Jesu aus der Gerichtsrede: „Ich war hungrig, durstig, fremd, nackt, krank oder im Gefängnis… Was ihr für einen dieser Geringsten (nicht) getan habt, das habt ihr mir (nicht) getan!“ (vgl. Mt 25,31-46). Die verschiedenen Sammlungen und Hilfsaktionen des Advents haben in diesem Jesuswort ihren Ursprung und ihre Motivation.
- Der „Advent“ erinnert uns mit den Worten des Evangeliums aber auch daran, dass es ein Ende gibt - der Welt und auch unseres Lebens.
Freilich gilt auch von diesen Aussagen, dass sie keine Auskünfte für Berechnungen oder physikalische Daten liefern. Nach jüdisch-christlichem Glauben sind Aussagen über die Schöpfung und die Vollendung „im eigentlichen Sinne Gotteslehre, eine Weise des Bekenntnisses zu Gott, dem Ursprung und Schöpfer von allem, der zugleich Ziel, Retter und Vollender sein will.“[1] Davon können wir aber nur in Bildern und Gleichnissen sprechen, wie sie in der Heiligen Schrift und vor allem von Jesus selbst erzählt und bezeugt sind. „Das Ende der Welt ist nicht ihre Zerstörung, sondern ihre Vollendung.“[2] Das ist auch die Hoffnung für jeden einzelnen von uns.
Papst Franziskus hat das Jahr 2025 auch zu einem „Heiligen Jahr“ erklärt und in der Verkündigungsbulle geschrieben: „Die christliche Hoffnung besteht genau darin: Im Angesicht des Todes, wo scheinbar alles endet, erhalten wir die Gewissheit, dass uns dank Christus, dank seiner Gnade, die uns in der Taufe mitgeteilt worden ist, ‚das Leben nicht genommen, sondern gewandelt wird‘, und zwar für immer.“[3] „Was wird also nach dem Tod aus uns werden? Mit Jesus gibt es jenseits dieser Schwelle das ewige Leben, das in der vollen Gemeinschaft mit Gott, in der Schau und in der Teilhabe an seiner unendlichen Liebe besteht… Ich bin geliebt, also bin ich.“[4]
Der Advent ist eine Zeit der Vorbereitung. Selbstverständlich ist es wichtig, Vorbereitungen für das Fest zu treffen, dazu gehören auch Überlegungen, wie man einander Freude bereiten könnte, und dass man sich Zeit nimmt, füreinander da zu sein.
Vor allem aber ist der Advent die Zeit, in der die Freude über das Kommen Christi in uns wachsen soll, und damit eine Zeit der Erneuerung unserer Hoffnung.
[1] Vgl. D. Sattler, T. Schneider, Schöpfungslehre, in: Handbuch der Dogmatik Band 1 (hg. v. T. Schneider), S. 120, Düsseldorf 1992;
[2] Vgl. F.-J. Nocke, Eschatologie, in: Handbuch der Dogmatik Band 2 (hg. v. T. Schneider), S. 414.416, Düsseldorf 1992;
[3] Papst Franziskus, SPES NON CONFUNDIT. Verkündigungsbulle des Heiligen Jahres 2025, Nr. 20;
[4] Ders. a.a.O., Nr. 21.