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Inhalt:
Neujahr

Kraft der Hoffnung

Predigt von Prälat Dr. Heinrich Schnuderl zum Hochfest der Gottesmutter Maria am Neujahrstag 2025 im Ägydiudom

Cappella degli Scrovegni | Padova
Cappella degli Scrovegni | Padova
Foto Christian Brunnthaler

Wir haben ein neues Jahr begonnen. Ein solcher Beginn weckt Erinnerung an andere „Anfänge“ – z.B. unserer Schulzeit, auch wenn das vor langer Zeit war; oder an den Einzug in eine neue Wohnung, an neue Mitarbeiter… Den Vers von Hermann Hesse „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“ könnten wir aus eigener Erfahrung weiterdenken: Jedem Anfang wohnt die Hoffnung inne, die uns hilft, zu leben.

  1. Wir beginnen das Jahr mit einem Feiertag, der ein Vorzeichen setzt, das den weiteren Verlauf unserer Zeit bestimmen soll:

Nach dem Benediktiner Odo Casel heißt: „ein Fest feiern… sich in die Gegenwart der Gottheit begeben.“[1] Auch wenn wir wissen, dass der Alltag mit seinen Mühen und Anstrengungen kommen wird, begehen wir Neujahr auch in der Kirche als Fest; das bedeutet: wir wollen „in Gottes Namen“, mit Dank und Freude anfangen. Das Versprechen von dem, dessen Geburtsfest wir gefeiert haben, begleitet uns: „Ich bin mit euch alle Tage“ (Mt 28,20).

  1. 2025 soll ein „Heiliges Jahr“ sein: es erinnert an das Konzil von Nizäa im Jahr 325, das – vor 1700 Jahren – unser Bekenntnis zu Jesus Christus formuliert und verkündet hat: „Wir glauben an Jesus Christus, Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, eines Wesens mit dem Vater.“

Mit IHM sind wir unterwegs: das christliche Leben ist ein Weg, den wir mit anderen Glaubenden gehen, Kirche ist eine Weg-Gemeinschaft und Pilgerschaft. Viele werden in diesem Heiligen Jahr eine Wallfahrt antreten zu Orten, an denen sie zu erleben hoffen, was uns versprochen ist: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20).

„Geht!“ - Einer der ältesten Begriffe für das christliche Leben ist „der neue Weg“. Christ-Sein heißt nicht auf einen Standpunkt verharren, sondern gehen, und das schließt einen Wandel ein. Kirche ist eine lebendige Wirklichkeit, die zwar auf einem tragenden Fundament errichtet ist, sie hat aber seit jeher auch Wandlungen durchgemacht. – Die Kirche und ihre Gemeinden, wir alle stehen in Beziehung zu unserer Zeit und Umwelt und teilen mit unseren Zeitgenossen „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“.

Das Konzil hat uns vor 60 Jahren daran erinnert, dass wir Christen als Minderheit einen Auftrag für die Mehrheit der Menschheit haben: „Zeichen und Werkzeug, sozusagen ‚Sakrament‘ für die Einheit mit Gott und der Menschen untereinander“ zu sein. Unser Land, das in einer langen Geschichte vom Evangelium mitgeprägt worden ist, nimmt derzeit mehr und mehr säkularisierte, multikulturelle und multireligiöse Züge an. Lange haben wir es verdrängt, nun aber wird uns bewusst, dass wir Christen auch hierzulande zur Minderheit werden. Aber mit Glauben und Hoffnung sollen wir den Auftrag und Dienst annehmen, auch unter gewandelten Verhältnissen Zeugen für Christus und Gott zu sein.

  1. Auch für dieses Zeugnis bedarf es einer grundlegenden Neu-besinnung, ich erinnere: „Die Entdeckung Jesu und der Weg zum Glauben führen über die Begegnung und Erfahrung mit gläubigen Menschen, Gruppen und Gemeinden, deren Art zu leben glaubwürdig ist und den Umgangsstil Jesu erahnen lässt.“[2]

Die Einladung zum Glauben muss durch Christinnen und Christen erfolgen, die erkennbar aus dem Evangelium leben und ihren Glauben in einer überzeugenden und verständlichen Sprache weitergeben können. Voraussetzung dafür und Hauptaufgabe für die Seelsorge ist eine Vertiefung im Glaubensleben.

Die im vergangenen Herbst abgehaltene Bischofssynode hat auch für die Erneuerung der kirchlichen Strukturen die Richtung angezeigt[3]: „Wir brauchen eine ‚missionarische Kreativität‘, um neue Formen der Seelsorge auszuloten“ (Schlussdokument Nr. 111). „Die Kirche strebt danach, ein Netzwerk von Beziehungen zu sein, das prophetisch eine Kultur der Begegnung, der sozialen Gerechtigkeit, der Gemeinschaft unter den Völkern und der Sorge für die Erde verbreitet und fördert“ (Nr. 121). Dazu muss die Kirche eine „Einheit in Vielfalt“ anstreben (Nr. 38) und eine „heilsame Dezentralisierung“ (Nr. 129) umsetzen.

Das Dokument, mit dem Papst Franziskus 2025 als Heiliges Jahr verkündet hat, trägt als Titel das Wort aus dem Römerbrief des Apostels Paulus: „SPES NON CONFUNDIT. Die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen“ (Röm 5,5).[4] Der Apostel war Paulus Realist, er wusste um die Gefährdungen der Hoffnung und ruft auf zur Geduld. Geduld ist eine Tugend, die eng mit der Hoffnung verbunden ist. Auch der Papst warnt: „Die Geduld ist durch die Eile vertrieben worden und das fügt den Menschen großen Schaden zu. In der Folge haben Ungeduld, Nervosität und manchmal auch grundlose Gewalt Einzug gehalten“ (Nr. 1-4).

Papst Franziskus verbindet mit diesem Jubiläumsjahr das Anliegen einer Erneuerung der Hoffnung und der Tugend der Geduld. Am ersten Tag dieses neuen Jahres bitten wir: „Die Kraft der Hoffnung möge unsere Gegenwart erfüllen!“ (Nr. 25).

 

[1] O.Casel, zit in: J. Pieper, Zustimmung zur Welt. Eine Theorie des Festes, München 1963, S. 67;

[2] H. Kessler, in: Handbuch der Dogmatik, Bd. 1, hg .v. Th. Schneider, Düsseldorf 1992, S. 243;

[3] XVI. ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode, 2. Sitzung 2024, Schlussdokument „Für eine synodale Kirche. Gemeinschaft, Teilhabe und Sendung“;

[4] Papst Franziskus, Spes non confundit. Verkündigungsbulle des Heiligen Jahres 2025, vom 9. Mai 2024.

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