Er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat

Mit dem heutigen Tag endet die Ferienzeit; das bedeutet für die meisten von uns eine Zäsur im Jahreslauf: für viele ist damit auch die Urlaubszeit vorbei: mit dem morgigen Tag beginnt für sie ein neues Arbeitsjahr. Auch das Evangelium spricht von einer „Schule“, auch wenn dieser Begriff nicht vorkommt.
- Die Leute haben zunächst Jesus für einen Rabbi gehalten und ihn so angesprochen: „Rabbi“ oder „Rabbuni“. Das heute verkündete Evangelium spricht vom Verhältnis Jesu zu seinen „Schülern“ - die Evangelien gebrauchen dafür das griechische „Mathetes“, ein Wort das meist mit dem Wort „Jünger“ übersetzt wird.
Jesus lehrte in den Synagogen (Mt 4,23), auf den Straßen (Lk 13,26) und vom Boot aus (Lk 5,3). Aber er hat sich wesentlich von den Schrift-gelehrten unterschieden – zunächst dadurch, dass er nicht wie die Rabbiner angeworben und bezahlt wurde, sondern dass er seine Schüler selbst gerufen hat. Er hat nicht theoretisches Wissen vermittelt, sondern seine Schüler zur Nachfolge, zum Mitgehen auf seinem Weg berufen. Und vor allem: „er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten“ (Mk 1,22; Lk 4,32).
Das Mitgehen mit ihm heißt, ein neues Leben zu beginnen, das einschließt, was dieses Evangelium verlangt: „Wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir hergeht, der kann mein Jünger nicht sein.“
- Zunächst hat Nachfolge wörtlich bedeutet: Anhänger, Schüler, Jünger Jesu mussten ihren Beruf aufgeben: sie waren Fischer, Zöllner, auch Leute mit problematischer Vorgeschichte („Simon, genannt der Zelot“, d.h. möglicherweise ein Ex-Terrorist, Lk 6,15).
Was uns wenig bewusst ist: entgegen der sehr häufigen Darstellung der Apostel als ältere, gesetzte Männer mit ansehnlichen Bärten, waren es vor allem junge Leute, die von Jesus berufen worden sind; von einem – Simon Petrus – wird berichtet, dass er verheiratet war. Der Ruf Jesu und ihr Mitgehen mit ihm hatte für sie ihr Leben verändernde Konsequenzen mit sich gebracht: sie haben für Jesus alles aufgegeben.
Zu der Zeit, in der die Evangelien niedergeschrieben worden sind – also 50 bis 80 Jahre später -, hat die Entscheidung zum Glauben an Christus nicht mehr das wörtliche Nach-Folgen eingeschlossen, wohl aber ein in manchen Bereichen sich von der heidnischen Umgebung unter-scheidendes Lebens nach den Weisungen der Bergpredigt: Der früh-christliche Brief an Diognet[1] gibt uns einen Einblick in das Leben von Christen in der antiken Gesellschaft:
„Die Christen sind weder durch Heimat noch durch Sprache und Sitten von den übrigen Menschen verschieden…. Sie heiraten wie alle anderen und zeugen Kinder, setzen aber die geborenen nicht aus. Sie haben gemeinsamen Tisch, aber kein gemeinsames Lager…. Sie gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten in ihrem Lebenswandel die Gesetze.“
Scheinbar ist diese Radikalität heute vorbei, aber es bleibt: wenn wir uns von der Liebe zu Christus bestimmen und von der Bergpredigt leiten lassen und das Leben mit den Glaubenden in der Gemeinschaft der Kirche führen uns auch in eine Unterscheidung zu unserem Umfeld - und wir werden auch Widerstand erfahren und ertragen müssen.
- Ein Beispiel, wie der Glaube an Christus das Leben verändert hat, verändern kann und soll, ist uns im Paulusbrief an Philemon – aus dem heute die zweite Lesung entnommen ist – gezeigt.
Philemon, ein von Paulus zum Glauben geführter Christ, hatte einen Sklaven, Onesimus, der sich schlecht behandelt gefühlt hatte, und deshalb zu Paulus geflohen und ebenfalls beim Apostel gläubig geworden war. Rechtlich wäre in der Antike ein entlaufener Sklave strengstens bestraft worden. Paulus schickt ihn aber mit einem Begleitschreiben zurück und fordert Philemon auf, als Christ seinen Sklaven als Bruder und Mitchristen wieder aufzunehmen.
Kirchenkritiker haben dem Christentum zwar vorgeworfen, in der Antike nicht zu einem Kampf gegen das Sklaventum aufgerufen zu haben. Der Glaube hat aber die Beziehung der Menschen untereinander verändert und dadurch auch die Gesellschaft. Wir leben heute in anderen sozialen Verhältnissen, aber, wenn wir Jünger, Schüler, Brüder und Schwestern Jesu Christi sein wollen und sind, wird das auch unsere Beziehungen untereinander und unser Umfeld verändern. Dieses Zeugnis bedeutet heute Nachfolge Christi; an uns soll man das Evangelium ablesen können.
[1] geschr. um 200, vermutl. in Alexandrien; vgl. R. Brändle, Art. Diognet in LThK Bd. 3, Freiburg ³1995, Sp.238f.