Kirchweih – "Allerorten ist dein Tempel"

Die Bischofskirche einer Diözese hat symbolisch und rechtlich eine besondere Bedeutung und Stellung: dort steht die Kathedra, der liturgische Bischofssitz, dort werden die Sakramente der Weihe vom Bischof gespendet; und ein neuer Bischof tritt in der Kathedrale seinen Hirtendienst an. In der ganzen Diözese soll der Jahrestag der Weihe der Bischofskirche gefeiert werden.
- Schon seit dem Mittelalter hat es in Graz ein dem hl. Ägydius geweihtes Gotteshaus gegeben, das im 12. Jahrhundert als Pfarrkirche dokumentiert ist.
Das Jahr der Weihe dieser romanischen Kirche ist nicht bekannt, es gibt aber gute Gründe anzunehmen, dass das an einem 1. Mai, dem alten Fest der hl. Apostel Philippus und Jacobus geschehen ist. - Kaiser Friedrich III. hat im 15. Jahrhundert die alte Pfarrkirche ersetzt durch die gotische Hof- und Pfarrkirche, die 100 Jahre später Hof-, Jesuiten- und Universitätskirche geworden ist. Im Jahr 1786 wurde sie zur steirischen Bischofskirche erhoben. Seit einigen Jahrzehnten wird nun wieder das Kirchweihfest der steirischen Bischofskirche zum Datum der Kirchweihe im Mittelalter – also dem heutigen ersten Mai - begangen.
Am Kirchweihfest geht es aber nicht nur um das Gebäude und seine Geschichte, sondern um uns, die Kirche aus lebendigen Steinen: es ist für uns ein Fest, das uns mit den Worten aus dem ersten Petrusbrief erinnert, dass wir als Volk Gottes unsere Berufung leben dürfen.
- Die Lesungen des Kirchweihfestes aus der Heiligen Schrift verweisen uns auf das Zentrum unseres Glaubens.
„Allerorten ist dein Tempel“ – singen wir nach Worten von Joseph Philipp Neumann, dem Textdichter der Schubertmesse (der vor über 200 Jahren, 1810-1811, Rektor des Grazer Lyzeums, d.h. der Vorgängerin der Grazer Universität war). Die Bibel überliefert uns das Weihegebet des Königs Salomo für seinen Tempel in Jerusalem. Mit ihm können wir fragen:
„Wohnt denn Gott wirklich auf der Erde? Siehe, selbst Himmel und die Himmel der Himmel fassen dich nicht, wieviel weniger dieses Haus, das ich gebaut habe!“ (1 Kön 8, 27).
Der biblische König hat um die Heiligkeit Gottes gewusst. Gott ist unendlich groß und der Ganz-Andere. Gläubige Juden vermeiden es bis heute, den Gottesnamen auszusprechen, um den Namen Gottes heilig zu halten; Muslime praktizieren nach wie vor beim Betreten einer Moschee das, was Gott Mose aufgetragen hat: „Leg deine Schuhe ab, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden!“ (Ex 3, 5). In einer Zeit, in der wir mit Menschen anderer Religionen vis-à-vis leben, könnten wir Christen von diesen wieder lernen, was Ehrfurcht und das, worum wir tagtäglich – oft gedankenlos – beten, bedeutet: „Geheiliget werde dein Name!“
- Dann sollte uns aber auch das Wunder unseres Glaubens neu aufgehen, dass dieser heilige Gott uns nahe gekommen, Mensch geworden ist, berührbar, uns ansprechend, in allem uns gleich - ausgenommen die Sünde.
Es ist eines der ältesten Glaubensbekenntnisse, das zu Jesus gesagt worden ist: „Du bist der Heilige Gottes!“ Das haben Menschen in der Begegnung mit Jesus, wenn er gepredigt, geheilt hat und ihnen die Hand gereicht hat, erfahren. Und es ist die österliche Erfahrung, dass Jesus Christus nach seiner Kreuzigung und seinem Tod als der Auferstandene mitten unter denen bleibt, die sich in seinem Namen versammeln, überall und zu allen Zeiten. Er spricht zu uns in den Worten der Heiligen Schrift und bricht uns bei jeder Eucharistie sein Brot, gibt sich uns als das Brot des Lebens.
„Allerorten“ – und doch auch an besonderen Orten und in besonderen Zeichen: in der Gemeinschaft der Gläubigen und in den ihm geweihten Kirchen, wenn das Wort Gottes verkündet wird; wenn wir das Gedächtnis Jesu feiern, in den heiligen Sakramenten. An solchen Orten ereignet sich das, was uns von der Taufe Jesu durch Johannes bezeugt wird: der Himmel ist offen, und der Geist Gottes ist über uns, Gott will uns begegnen.
Das war der Glaube und die Frömmigkeit des Stifters unseres Doms, des Kaisers Friedrich III., der sich als Christophorus hat darstellen lassen. Es sei auch unser Glaube als Kirche aus lebendigen Steinen.