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Inhalt:
Fronleichnam

Gott hält nichts zurück, sondern schenkt sich in Jesus Christus den Menschen

Predigt von Weihbischof Johannes Freitag bei der Fronleichnamsfeier 2026 im Grazer Dom 

Foto Sonntagsblatt / Gerd Neuhold

Liebe Schwestern und Brüder!

von vielen Dingen kennen wir den Preis, aber kennen wir auch den Wert, der dahintersteht? Mit wenigen Klicks können wir Preise vergleichen. Wenn wir unser Einkaufsverhalten kritisch reflektieren, verfallen wir manchmal in eine „Schnäppchenjäger“-Mentalität. Wir rechnen täglich, vergleichen Preise und wählen aus einer Fülle das für uns günstigste Angebot aus. Das prägt unseren Alltag und vielfach auch unser Denken.

Doch nicht alles im Leben lässt sich berechnen. Was ist die Liebe einer Mutter wert? Was ist die Treue zweier Menschen wert, die miteinander durchs Leben gehen? Was ist das Vertrauen eines Freundes oder die Würde eines Menschen wert? Für diese besonderen Lebens-Mittel gibt es keinen Preis. Es sind Kostbarkeiten, die unser Leben tragen und reich machen.

Vielleicht zeigt sich diese Spannung besonders deutlich bei unseren Lebensmitteln. Wenn wir Brot kaufen, sehen wir zunächst den Preis. Doch hinter diesem Brot steht weit mehr: Da sind Menschen, die säen, ohne schon zu wissen, wie die Ernte ausfallen wird. Es gibt Bäuerinnen und Bauern, die den Boden pflegen, mit der Natur arbeiten und sich günstiges Wetter für das Wachstum erhoffen. Es gibt Menschen, die das Reifen begleiten, die ernten, das Korn mahlen und zu Brot backen.

Wer nur den Preis sieht, übersieht leicht den Wert. Wer jedoch genauer hinsieht, entdeckt Vertrauen, Geduld, Verantwortung und die Verbundenheit der Menschen mit der Schöpfung. Gerade hier in der Steiermark kennen viele diese Erfahrung. Wir leben in einer Region, in der die Menschen seit Generationen wissen, dass Wachstum Zeit braucht. Sie wissen, dass Frucht und Ernte nicht gemacht werden können, sondern geschenkt werden, und dass unser Leben letztlich von einem Vertrauen lebt, das größer ist als wir selbst.

Vielleicht steckt darin auch eine wichtige Frage für unseren Lebensstil. Definiert sich unser Leben durch Masse oder durch Wertschätzung? Durch immer mehr oder durch bewusstes Genießen? Durch schnellen Konsum oder durch Dankbarkeit für das, was uns geschenkt wird? Viele Menschen sehnen sich heute wieder nach Qualität statt Quantität, nach Regionalität statt Beliebigkeit und nach einem bewussteren Umgang mit den Gaben der Schöpfung. Dahinter steht die Suche nach dem, was wirklich trägt und Bestand hat.

Daran erinnert uns das heutige Fronleichnamsfest. Wir tragen heute nicht nur eine religiöse Tradition oder ein einfaches Brot durch die Straßen von Graz, sondern etwas viel Höheres: Wir tragen Christus selbst durch unsere Stadt, den Herrn, der in der Eucharistie gegenwärtig ist und sich seiner Kirche schenkt.

Bemerkenswert ist dabei, wie Gott handelt. Er kommt nicht mit Macht und äußerem Glanz, sondern klein, unscheinbar und verborgen. In einem Stück Brot begegnet uns der Herr des Himmels und der Erde. Gerade darin liegt das Geheimnis Gottes: Das Größte erscheint oft im Kleinen, das Wertvollste im Unscheinbaren. Wer nur auf das Äußere blickt, wird daran vorbeigehen. Wer aber mit den Augen des Glaubens schaut, erkennt die Liebe Gottes, die sich den Menschen schenkt.

 

In der Eucharistie wird die Liebe und Hingabe Gottes erzählt. Gott hält nichts zurück, sondern schenkt sich in Jesus Christus den Menschen bis zum Äußersten. Das Kreuz und die Eucharistie gehören deshalb untrennbar zusammen, da beide von einer sich hingebenden Liebe sprechen.

Genau dieses Geheimnis greift Jesus im Johannesevangelium mit dem Bild vom Weizenkorn auf: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ (Joh 12,24)

Das Weizenkorn wird nicht zerstört, sondern verwandelt. Es lässt los, was es bisher war, damit etwas Neues entstehen kann. Es vertraut sich der Erde an. Lange Zeit geschieht nichts Sichtbares. Im Verborgenen aber wächst bereits neues Leben. Das Korn bleibt nicht bei sich selbst … und gerade dadurch wird es fruchtbar.

Jesus spricht dabei zunächst von sich selbst. Er spricht von seinem Weg ans Kreuz, von seiner Hingabe und von seiner Auferstehung. Aus seiner Liebe wächst neues Leben für die Welt. Doch dieses Wort gilt auch für uns. Alles, was wirklich wertvoll ist, wächst aus Hingabe, aus Vertrauen und aus der Bereitschaft, sich von Gott verwandeln zu lassen. Eltern erfahren das in der Sorge für ihre Kinder. Menschen erleben es, wenn sie Kranke begleiten oder Verantwortung übernehmen. Wo Menschen Zeit schenken, Geduld aufbringen und aus Liebe handeln, dort wächst Frucht.

Von außen betrachtet mag das manchmal wie ein Verlust erscheinen, doch im Licht Gottes wird daraus Leben. Das Evangelium erinnert uns daran, dass der Mensch nicht durch das, was er besitzt, größer wird, sondern durch das, was er schenkt.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

das Brot unseres Alltags kann uns den Weg zum Brot des Lebens weisen. Das Heilige, das wir in Gestalt eines einfachen Brotes verehren, entzieht sich jeder Preislogik. Sein Wert lässt sich nicht berechnen. Es lässt sich nicht kaufen. Dieses Brot ist vielmehr ein Geschenk: Christus selbst schenkt sich uns.

Wer den Wert dieses Brotes erkennt, gelangt an die Schwelle eines Geheimnisses, vor dem unsere Berechnungen verstummen. An dieser Schwelle beginnt Anbetung – nicht nur als würdevoller Ausdruck oder tiefes Gebet, sondern als Lebenshaltung, die Ja sagt zu einem ehrfürchtigen Umgang mit den Gaben der Schöpfung, zu einem wertschätzenden Umgang mit Lebensmitteln und Ressourcen und zu einer Dankbarkeit für alles, was uns anvertraut ist.

Wenn wir mit dem Allerheiligsten durch die Straßen unserer Stadt ziehen, dann setzen wir bewusst ein öffentliches Zeichen. Wir bekennen, dass der tiefste Wert unseres Lebens nicht im Besitz, nicht im Erfolg und nicht in dem liegt, was wir vorweisen können. Der tiefste Wert unseres Lebens liegt in der Liebe Gottes, die sich uns schenkt.

Christus selbst ist das Weizenkorn geworden, das in die Erde gefallen ist und reiche Frucht gebracht hat. Aus seiner Hingabe leben wir, von seiner Liebe werden wir getragen und zu seiner Liebe sind wir berufen. Bitten wir ihn heute, dass wir neu erkennen, was wirklich wertvoll ist, dass wir das schätzen, was uns heilig ist, und dass unser Leben immer mehr von jener Liebe geprägt wird, die sich verschenkt und gerade darin Frucht bringt.

Amen.

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Fotos Sonntagsblatt / Gerd Neuhold


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