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Inhalt:
Predigt

Wir ehren den heiligen Ägydius

Predigt von Prälat Heinrich Schnuderl zum Fest des heiligen Ägydius, dem Patron der Kathedrale und der Stadt Graz am 30. August 2026 im Grazer Dom.

Foto Christian Brunnthaler

Heute, am Sonntag nahe dem 1. September, feiern wir das Patrozinium, den Namenstag unserer Pfarr- und Domkirche. Der heilige Ägydius war seit dem Mittelalter ein in vielen Nöten angerufener „heiliger Alltagshelfer“ und als ehemaliger Kaufmann in Athen Patron der Marktfahrer. Aus dem Mittelalter stammende, an ihn erinnernde Kirchen gibt es deshalb sowohl in alten Städten mit Märkten - z.B. Steyr, Klagenfurt und hier in Graz, als auch auf schwierigen Transportrouten – z.B. in der Steiermark in Donnersbach und in Fischbach -, aber auch an einer Sprachgrenze im Süden unseres Landes: der Name des Grenzortes Sentilj – deutsch Sankt Egid oder Sankt Ilgen – leitet sich vom örtlichen Pfarrpatrozinium her.

  1. Es ist eine alte kirchliche Tradition, dass das einmal gewählte Patrozinium einer Kirche nicht leichtfertig aufgegeben, sondern auch beim Neubau einer Kirche übernommen oder zumindest ikonographisch bewahrt wird.

Kaiser Friedrich II., der die Grazer Pfarrkirche im 15. Jahrhundert von Grund auf neu auch als Hofkirche erbauen ließ, hat den alten Namen der Vorgängerkirche beibehalten. Ob es in der romanischen Kirche ein Fresko oder eine Statue des hl. Ägydius gegeben hat, wissen wir leider nicht, aber auch aus der neuen Hof- und Pfarrkirche ist uns nicht bekannt, ob z. B. auf einem gotischen Flügelaltar der hl. Ägydius dargestellt war.

Im 16. Jahrhundert wurde die Grazer Pfarrkirche zum hl. Ägydius dem Jesuitenorden übergeben und das Pfarrrecht auf die frühere Dominikaner-kirche „Zum heiligen Blut“ übertragen. An das alte Patrozinium der Grazer Pfarrkirche erinnert dort wenigstens in der barocken Seitenkapelle, die dem hl. Johannes Nepomuk geweiht war, eine Statue des hl. Einsiedlers Ägydius: und auch heute noch – allerdings leider wenig beachtet - ist dieser Heilige Ägydius der Stadtpatron von Graz.

  1. Die Jesuiten, denen vom Ende des 16. Jahrhunderts bis 1773 die Ägydiuskirche als Ordens- und Universitätskirche anvertraut war, haben im Jahr 1730 bei der letzten von ihnen beauftragten barocken Ausgestaltung ihrer Kirche das Andenken an den Kirchenpatron auf dem Hochaltar gewürdigt.

Als Hochaltarbild sehen wir das Gemälde des hl. Ägyidius, zu dem Mütter mit Kleinkindern in ihren Notlagen und Aussätzige und Epileptiker in ihren Krankheiten kommen, seine Fürbitte und Hilfe erflehend. Er wurde und wird ja als einer der „14 heiligen Nothelfer“ verehrt. Das Gemälde stammt von Franz Ignaz Flurer (1688-1742).

Weniger beachtet sind die beiden Gemälde, die in der Nord- und Südwand des Presbyteriums angebracht sind: vergleichbar einem Flügelaltar zeigen diese Bilder die Begegnung des Heiligen mit dem westgotischen König Wamba und, wie der Heilige einem Schiffbrüchigen seine Kleider übergibt.

  1. Unser Diözesanmuseum hat heuer eine Ausstellung von „Heiligen Alltagshelfern“ gezeigt: seit der frühen Kirche wird auf das Beispiel und Vorbild von Christen verwiesen.

Paulus nennt seine Mitchristen einen „Brief Christi, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes“ (2 Kor 3,3). Der hl. Franz von Sales, der vor etwa 400 Jahren Bischof von Genf war, hat sich bemüht, den Reformierten, die die Heiligenverehrung radikal abgelehnt haben, diese urkirchliche katholische Praxis verständlich zu machen. Von ihm stammt der Satz: „Zwischen dem geschriebenen Wort des Evangeliums und dem Leben der Heiligen ist kein anderer Unterschied als zwischen den Noten einer Musik und ihrer Aufführung.“ Die Heiligen haben auch durch ihr Leben und Sterben das Evangelium verkündet. Ihrer gedenkend begegnen wir also der Frohen Botschaft!

Schon im zweiten Jahrhundert haben die Gemeinden die Berichte über die Martyrien ihrer Glaubenszeugen untereinander ausgetauscht. Die Gemeinde von Smyrna hat den Jahrestag des Martyriums ihres Bischofs, des hl. Polykarp, als „seinen Geburtstag für den Himmel“ gefeiert, „zum Gedächtnis aller, die vor uns den Kampf bestanden, und zugleich als Einübung und Vorbereitung für alle, die ihn in Zukunft kämpfen werden.“[1]

Die Christen in Smyrna haben aber auch klargestellt: Die Heiligen werden nicht angebetet. Christus „beten wir an, weil er der Sohn Gottes ist. Den Blutzeugen aber schenken wir mit Recht unsere Liebe, denn sie sind Schüler und Nachfolger des Herrn, und ihm sind sie unwandelbar treu geblieben.“[2]

Wir verehren also die Heiligen, weil wir ihnen - sie aber auch uns - in Liebe verbunden sind. Das meinen wir, wenn wir Heilige als unsere Patrone ehren und uns von ihnen begleitet wissen. Und versuchen auch wir, eine gute Botschaft, ein „Brief Jesu Christi“ in unserer Umgebung zu sein.

 

[1] H. Rahner, Die Martyrerakten des zweiten Jahrhunderts. Übertragen und eingeleitet von Hugo Rahner, Freiburg 1953, S. 36;

[2] a.a.O., S,35.

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