Liturgie und Kirchenmusik | Oktober 2026 bis Februar 2027

Grußworte des Dompfarrers
Der Dirigent Hans von Bülow, der bei der Uraufführung von Giuseppe Verdis Totenmesse am 22.05.1874 in der Mailänder Kirche San Marco anwesend war, schrieb in der Presse davon, dieses Werk sei eine „Oper im Kirchengewande“ – und er meinte das keineswegs anerkennend oder gar positiv. Johannes Brahms hat kurz und knapp erwidert: „Bülow hat sich unsterblich blamiert, so etwas kann nur ein Genie schreiben.“ Dieser historische Streit braucht uns an dieser Stelle nicht weiter zu interessieren, auch wenn er spannend und kontroversiell geführt wurde.
Für mich stellt sich vielmehr eine Frage: in welcher musikalischen Sprache hätte Verdi denn komponieren sollen, wenn nicht in seiner zutiefst eigenen – der Sprache der italienischen Oper. Seine Vertrautheit mit der Kirchenmusik der Tradition ist zu hören und zu bewundern. Dieses Requiem kann und will aber nicht verleugnen, dass es zwischen den beiden Opern Aida und Otello komponiert wurde.
Über die Religiosität Verdis kann man viel nachlesen; kurz zusammengefasst: Die Institution der katholischen Kirche hat er sein Leben lang kritisch gesehen – das hat ihn aber nicht daran gehindert, einen persönlichen Glauben zu leben. Gerade diese Totenmesse ist ein klingendes und zutiefst berührendes Zeugnis dafür.
In welcher Sprache können und sollen wir beten? Brauchen wir die vielen Formeln und vorgefertigten Gebete? Wir dürfen im Suchen nach einer Antwort auf diese Frage Verdis Requiem als eine Inspiration nehmen: Wir können zu Gott beten in unserer eigenen, ganz persönlichen Sprache. Die Tradition, in die wir hineingestellt sind, kann dabei eine Stütze sein – sie soll aber nicht unser persönliches Reden zu Gott behindern. Dann wird unser Gebet ehrlich und groß!
Ich danke unserer Dommusik, dass wir dieses Werk in unserer Domkirche erleben dürfen. Ich wünsche Ihnen, dass sie zutiefst spüren und erfahren, dass dieses Requiem nicht nur ein Ausdruck christlicher Hoffnung ist, sondern wie sehr es von unserem ganz persönlichen Glauben kündet.
Dr. Ewald Pristavec
Dompfarrer und Stadtpfarrprobst
